Le magazine du siècle
  • Von Sebastian Sele
  • 15. August 2026
  • 19 Min. Lesezeit

Die Fahrt aus Accras Stadtzentrum nach Agbogbloshie dauert 15 Minuten. Mike Akane nutzt die Zeit im Taxi, um seine Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte einer rasanten Entwicklung: von einem Naturidyll im Westen der ghanaischen Hauptstadt in eine gigantische Müllhalde. Früher fuhr Akane hinaus zur Lagune von Korle, um die Vögel zu sehen.

Heute mischt sich dichter Rauch von verbranntem Plastik mit dem Gestank einer Müllhalde, als wir in der drückenden Tropenhitze aus dem Taxi steigen. «Das also ist Agbogbloshie», sagt Akane. Geschrei dringt vom Zwiebelmarkt herüber, unterlegt von einem Teppich von Tuktuk- und LKW-Gehupe.

In den nationalen und internationalen Medien gilt Agbogbloshie als Slum. Hier leben mehr als 15’000 Menschen, bis zu 30’000 Bewohner:innen von Accra sollen von den Arbeitsplätzen hier abhängig sein. Von den Jobs auf dem Basar, in den Barbershops, in den Bars – vor allem aber von jenen am westlichen Ufer der Lagune: Dort, wo sich vor vier Jahrzehnten noch Zwergstrandläufer, Seeschwalben und Mangrovenreiher in einem Feuchtgebiet tummelten, liegt heute ein Schrottplatz. «Alle Elektrogeräte, die ins Land gelangen, landen früher oder später hier», sagt Mike Akane. «Auch jene aus der Schweiz.»

Doch wie kommen die Schweizer Computer, Fernseher, Smartphones auf den Schrottplatz eines Slums in Westafrika? Der Weg ist verschlungen und führt durch zahlreiche Länder. Es gibt ungefähr so viele Vorstellungen davon, was zirkuläre Wirtschaft bedeutet, wie Händler in das Geschäft mit den gebrauchten Geräten involviert sind. Von Agbogbloshie aus versucht dieser Text nachzuzeichnen, was mit Elektrogeräten passiert, die bei uns in Europa als Müll entsorgt werden – und hier in Ghana ein zweites Leben erhalten.

TIP TOE LANE
Alte Smartphones, grosse Träume

«Hier findest du alles», sagt Shardey, der einen kleinen Verkaufsstand betreibt. Er meint das nicht nur auf die Ware bezogen und fügt an: «Sogar Menschen mit Doktortiteln.» Die Lane war auch für ihn bloss Plan B, vielleicht sogar nur Plan C. Um seine Familie nach dem Tod seines Vaters aus der Misere zu holen, wollte er, wie so viele hier, Profifussballer werden. Doch ihm fehlte das Geld.

Das zweite Leben der Geräte beginnt zum Beispiel an der Tip Toe Lane, dem Elektronikmarkt an Accras Ringstrasse. Schulter an Schulter sitzen die Männer hier nebeneinander, unter einem Meer aus Sonnenschirmen haben sie ihre Auslagen, darauf stapeln sich iPhones, Samsungs und Xiaomis. Alles aus dem Ausland, alles Secondhand. Auch in den Gebäudezeilen in den Strassen hinter den Männern: Dort reiht sich ein Schaufenster voller MacBooks, Tablets und Smart-TVs ans nächste.

Ein Freund riet ihm, es mit Telefonen zu versuchen. Seither sitzt Shardey montags bis samstags hier und wartet, bis jemand kommt und fragt: «Wie viel willst du für dieses hier?» Shardeys Kund:innen stammen aus der Mitte der ghanaischen Gesellschaft, es sind Student:innen, Familienväter, Arbeiter:innen. 1650 ghanaische Cedis, umgerechnet 112 Franken, sind es zum Beispiel für das iPhone XR, das Shardey verkauft. Gekauft hatte er es ein paar Wochen zuvor für 1500 Cedis, rund sieben Franken Gewinn verspricht er sich vom Gerät. Das jährliche Medianeinkommen in Ghana liegt unter 1500 Franken.

«Es ist ein gutes Business», meint Shardey. Er kenne Menschen, die sich hier hochgearbeitet hätten, mit einem kleinen Stand begonnen hätten und heute in Häusern wohnten, schicke Autos führen, eine ganze Armada an Elektronik-Shops besässen. Shardey gehört noch nicht zu ihnen. Noch nicht, hofft er. Er verkauft aber genug, um die Miete seiner Wohnung, die Schulgebühren seiner beiden Kinder und das Essen für die Familie zu bezahlen.

«Dieser Job hat mehr für meine Familie getan als die Regierung», sagt Shardey und spielt auf den chronischen Mangel an Arbeitsplätzen an. Egal, mit wem man in Ghana spricht, alle meinen: Es gibt zu wenig Jobs. Und die Jobs, die es gibt, werden nur an Leute mit den richtigen Connections vergeben: Tatsächlich ist jede:r dritte Ghanaer:in zwischen 15 und 24 arbeitslos. Korruption ist weit verbreitet, formelle Bildung weniger. Die Tip Toe Lane gibt jedem eine Chance.

Was Shardey ausblendet: Es war ebendiese Regierung, die den Grundstein dafür gelegt hatte, dass er selbst heute hier sitzt und von einer grossen Zukunft träumen kann. Der US-Autor Alexander Clapp beschreibt es in seinem Buch «Waste Wars» so: Als das Internet um die Jahrtausendwende zum Siegeszug ansetzt, sieht das verarmte Ghana seine Chance zum wirtschaftlichen Aufschwung. Es wird zum zweiten Land des Kontinents mit vollständiger Internetanbindung, internationale Konzerne verlegen ihre Call-Center von Südostasien ins englischsprachige Land.

Clapp schreibt: «Das Internet nach Ghana zu bringen, war eine Sache. Millionen von Ghanaern ans Internet zu bringen, eine andere.» Infrastruktur allein reicht nicht. Es braucht auch die Geräte, um sie zu nutzen. Eine scheinbar unüberwindbare Herausforderung für einen Staat, in dem ein Grossteil der Bevölkerung von weniger als einem US-Dollar pro Tag lebt. Während Länder wie Uganda Importe von Secondhand-Elektronik verbieten, schafft Ghana als einziges Land Afrikas alle Importzölle auf gebrauchte Computer, Monitore und Drucker ab.

Shardeys Freunde bringen ihm kofferweise Geräte nach Ghana, «aus Europa, den USA, China und Dubai», sagt er. Die Händler sind oft Ghanaer, die im Ausland leben, aber auch Nigerianer, Chinesen und Libanesen. Die Fotos der Geräte kursieren teilweise schon vor der Ankunft in WhatsApp-Gruppen, TikTok-Videos, auf Facebook. «Ich kaufe meistens von einem Libanesen auf Whatsapp» sagt Shardey, «oder drüben in der American Mall.» Auf den meisten Handys und Laptops in seiner Auslage klebt ein Sticker: getestet, hundert Prozent funktionstüchtig. Dieser Sticker muss da sein – eigentlich.

Der Weg nach Ghana führt über illegale Netzwerke – und legale Spenden

Gemäss der Basler Konvention, die fast alle UN-Mitgliedsstaaten ausser den USA ratifiziert haben, dürfen nur Geräte nach Ghana eingeführt werden, die von den Exporteur:innen erfolgreich getestet wurden. Offiziell kommen jährlich rund 150’000 Tonnen gebrauchte Geräte nach Ghana, darunter viele unbrauchbare. Illegale Lieferungen werden selten entdeckt: Der Zoll in Europa kümmert sich mehr darum, was reinkommt, für den Zoll in Westafrika ist es «bekanntermassen schwierig».

Ein paar Schritte tiefer im Gewimmel der Tip Toe Lane tastet Enoch nach seinem Feinmechanik-Schraubenzieher, um den Bildschirm eines Smartphones auszuwechseln. Der Reparateur durchwühlt mit seinem linken Zeigefinger die Halterungen, Kamerateile und Platinen vor ihm. Zehn Minuten braucht er für diesen Auftrag. Kosten: 50 Cedis, 3.50 Franken. Auch wenn er an manchen Tagen gar keine Arbeit habe, komme er auf etwa 500 Cedis pro Woche, 35 Franken. «Damit kommt man durch», sagt Enoch lässig.

Aus Europa gelangt immer wieder illegal  Elektroschrott nach Ghana. Das haben  Untersuchungen und Recherchen
gezeigt, bei denen defekte Geräte mit Peilsendern versehen wurden. 

Er schraubt flink weiter, blickt prüfend, schraubt. «Komm», sagt er nach der erfolgreichen Reparatur und führt mich zum hinteren Treppenhaus einer Mall. Enoch muss sich bücken, um hinter eine versteckte Schwingtüre zu gelangen. Dahinter befindet sich eine Werkstatt, mehr Höhle als Raum: Zwei Kollegen, ein Mac auf dem einen Schreibtisch, ein Laptop und ein Mikroskop auf einem anderen. Die Luft hier unten ist angenehm kühl, irgendwo muss eine Klimaanlage laufen. Was Enoch zeigen möchte: Während draussen in der Hitze die «einfachen» Reparaturen für die Massen geschehen, wird hier im Labor gezaubert.

Einer seiner Kollegen führt vor, wozu die Reparateure fähig sind: Mit einem Spezialgerät prüft er, ob das gebrauchte iPhone in seiner Hand erkennt, dass sein Akku soeben gewechselt wurde. «No repair cable detected», kein Reparaturkabel gefunden, steht auf dem Display. Daneben das Piktogramm einer Batterie: «100 Prozent». Niemand scheint sich gross zu freuen, der Vorgang ist Routine.

Enoch ist mit der Elektronik aufgewachsen. Auch weil der Plan der ghanaischen Regierung in den frühen 2000ern aufzugehen schien: Secondhand-Elektronik strömte massenweise aus aller Welt ins Land. Hatte Ghana im Jahr 2000 noch kein einziges Internetcafé, zählte es zwei Jahre später bereits mehr als 600. Accra wurde zur Heimat eines der ersten Supercomputer Afrikas.

Handys und Laptops, die noch verwendet werden können, passieren die Grenzen ohne Bewilligung – sei es als Spenden oder als Handelsware. Aber auch diese haben oft nur noch eine kurze Lebensdauer.

Doch mit den Geräten kam auch der Müll. Defekte Computer, Drucker und Kühlschränke, die als Spenden oder funktionierende Gebrauchtware deklariert wurden. Die Basler Konvention verbot solche Exporte zwar und war bereits in Kraft, doch an lokalen Kontrollen und Regularien fehlte es fast vollständig. 

LAPAZ 
Operationen unter freiem Himmel 

Der Mann, den alle nur «Doktor» nennen, arbeitet 30 Minuten nördlich der Tip Toe Lane im Viertel Lapaz. «Die kommen frisch aus Grossbritannien», sagt er vor dem Verschlag, in dem er Flachbildfernseher lagert. Hier reiht sich Lager an Lager. Ist seines beinahe leer, bestellt der Doktor neue Ware in Europa. Er greift sich einen neu angelieferten TV, legt ihn unter einem Vordach mit dem Display nach unten auf einen Plastiktisch, dem man gerade noch ansieht, dass er einmal weiss war.

Der Doktor greift zu seinen Instrumenten, schraubt die kantige Plastikverschalung ab, steckt ein Kabel ein, hebt den Patienten an, um seine Funktion zu überprüfen: Nichts. Das Display bleibt schwarz. Er schraubt am Mainboard herum, dem Gehirn des Smart-TV, an der Platine zur Bildverarbeitung, dem Nervensystem. Diagnose: Das Gehirn funktioniert, doch seine Informationen werden nicht richtig übermittelt. Eingriff: Transplantation der Bildverarbeitungsplatine.

Wenige Minuten Schraubenzieherarbeit später funktioniert der Fernseher wieder tadellos. «Die Geräte sind bedeutend einfacher zu reparieren als früher», sagt der Doktor, der seit 25 Jahren im Geschäft ist und mit umständlichen Röhrenfernsehern angefangen hatte. Heute wollen alle einen Smart-TV. Etwa 1500 Cedis, 100 Franken, kostet ihn das Stück. Für rund 2500 bis 3000 Cedis kann er es verkaufen – sofern es funktioniert.

Das heisst auch: Der Doktor kauft Ware, die nur ins Land kommen dürfte, wenn sie formell recycelt wird: Die Fernseher in seinem Lager sind ungetestet. «Von 20 Geräten funktionieren etwa sieben», sagt er. Die anderen 13 versucht er zu reparieren, bei mindestens einem lautet die Diagnose jedoch: Nicht zu retten. Für 100 Cedis, 7 Franken, kann er diesen noch verscheppern.

Der Doktor bringt den reparierten TV zurück ins Lager. Beiläufig zeigt er auf einen Mann mit grünem T-Shirt, der vor dem Lager nebenan auf sein Smartphone starrt. «Aus Grossbritannien», flüstert er. 

Handelsware gibt es auf Facebook Marketplace und bei offiziellen Recyclingstellen 

Der Mann im grünen T-Shirt heisst Kingsley, ist Ghanaer und führt zwei Leben: Nachts arbeitet er Schicht in einer Fabrik in Oxfordshire, tagsüber handelt er mit Müll. Seine Ware: Alles, was sich günstig in grossen Mengen kaufen lässt, wie gebrauchte TVs, Laptops, Stühle. «Selbst wenn ich hier in Ghana bin, schaue ich, was in Oxfordshire auf dem Markt ist», sagt er, während er durch den Facebook Marketplace scrollt.

Kingsley lebt einerseits davon, dass es in Europa oft günstiger ist, Geräte zu ersetzen, als sie zu reparieren. Und andererseits, dass mehr Fernseher, Laptops und Smartphones in immer kürzeren Abständen gekauft werden. Wer wie er die Geräte in Massen nach Ghana bringt, kann verhältnismässig gutes Geld machen.

Seine Handelsware findet er dabei nicht nur auf dem Facebook Marketplace, sondern auch bei offiziellen Recyclingstellen. Beide Seiten profitieren: Die Recyclingstellen sparen sich die teure Verarbeitung, bekommen vielleicht sogar noch etwas Geld, Kingsley kommt an seine Ressourcen. «Ich sage den Kund:innen immer, dass die Ware nach Ghana geht. Die interessiert das meistens nicht, solange sie bezahlt werden.» Viermal pro Jahr füllt Kingsley einen Überseecontainer. Anders als die illegalen Exporteure deklariert Kingsley seine Ware korrekt. Er bezahlt die Gebühren, die beim Export anfallen, und die Abgaben bei der Einfuhr in Ghana. Trotzdem ist sein Geschäftsmodell Teil eines Systems, in dem Geräte aus Europa nach Ghana gelangen, die dort früher oder später zu Elektroschrott werden.

Drei Wochen ist der Container unterwegs, bevor er den Hafen von Tema, eine Autostunde östlich von Accra, erreicht. Etwa 4000 britische Pfund, rund 4300 Franken, koste ihn der Transport, sagt Kingsley, hinzu kommen 8000 Pfund Einfuhrzoll. Der Gesamtpreis ist in den letzten Jahren angestiegen, wegen der Coronapandemie, den geopolitischen Spannungen und der verschärften Importpraxis Ghanas. 

Manche sagen, dass die höheren Preise die Menge Elektroschrott reduzieren, die nach Ghana kommt. Kingsley beeinflusst das nicht: «Ich weiss beim Kauf der Ware genau, wie viel ich dafür in Ghana bekomme.» Den anderen Tradern dürfte es ähnlich ergehen. 

In der Recyclingbranche gibt es keinen Müll – nur Ressourcen. Wirklich? 

Der Deutsch-Ghanaer Nana Yaw Konadu
arbeitet an seinem Traum: Ein echter Kreislauf
von Geräten und Materialien, der allen zugutekommt.
Den Ghanaer:innen, den Europäer:innen, der Umwelt. 

Auch Nana Yaw Konadu importiert im grossen Stil gebrauchte Geräte nach Ghana, ausschliesslich solche, die noch funktionieren. Der Deutsch-Ghanaer ist der Gründer und CEO von Electro Recycling Ghana, einem der grössten Recycler des Landes. Sein Traum: Ein echter Kreislauf, der allen zugutekommt. Den Ghanaern, den Europäern, der Umwelt.

Das Prinzip ist simpel: Recycelte Materialien werden im Globalen Norden immer gefragter – auch weil sie immer mehr vorgeschrieben werden. Derzeit würden europäische Firmen diese Materialien grösstenteils aus Asien importieren, sagt Konadu, «eine verpasste Chance».

Hört man Konadu erzählen, dann sind es eigentlich zwei verpasste Chancen. Die erste: Europäische Firmen können ihre Altgeräte nach Ghana verkaufen, wo auch noch iPhone 7 oder 8 gekauft werden. Die zweite: Was irgendwann nicht mehr verkauft werden kann, wird recycelt und die recycelten Materialien wie Kupfer und Plastik gehen wieder zurück nach Europa.

«Dieser Markt hat riesiges Potenzial», ist Konadu überzeugt. Fast 40’000 gebrauchte Fernseher, Laptops und Smartphones importiert er bereits pro Jahr. Jährlich 15’000 Tonnen Elektroschrott recycelt er in einer Anlage eine Autostunde nördlich von Accra. Unterstützung erhält er dabei nicht nur aus Ghanas höchsten Kreisen, sondern auch von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. 

Der Besuch in der Recyclinganlage fällt kurzfristig aus: Regenzeit, ein verstopfter Abfluss beim Nachbarn, das Gelände steht knietief unter Wasser. Konadu lässt sich von solchen Rückschlägen nicht abhalten. Im Gespräch reiht er einen Superlativ an den nächsten: Die grössten Secondhand-Plattformen, die grössten Elektrorecycling-Initiativen würden sich für seine Pläne interessieren. Aus Deutschland, aus Österreich, aus der Schweiz. 

Für ihn ist klar: Das Verschiffen nach Westafrika lohnt sich doppelt. Es verlängert nicht nur die Lebensdauer eines Geräts, sondern steigert auch den Profit. «Fürs Verschrotten in Europa bekommst du vielleicht zwei US-Dollar pro Gerät, in Ghana bezahlen Menschen für dasselbe Gerät noch 100 Dollar.» Trotzdem würden europäische Firmen zögern, zu gross sei das Stigma rund um Afrika.

AGBOGBLOSHIE 
Hier sieht man die Folgen des Black Friday 

Mike Akane wäre es am liebsten, wenn gar keine Geräte ins Land kämen. Agbogbloshie ist für ihn die Veranschaulichung davon, was beim Handel mit gebrauchten Elektrogeräten alles falsch läuft. Der Umweltaktivist sieht zwei grundlegende Probleme. Erstens ist es dem ghanaischen Zoll unmöglich, alle Geräte aus einem Überseecontainer zu kontrollieren. Und zweitens überprüft niemand die Geräte, die mit einem Sticker versehen sind, auf dem «getestet» steht. Kommt hinzu: «Absolut jeder kann einfach einen solchen Sticker anbringen.»

Sein Geschäftsmodell beschreibt der 
Unternehmer Nana Yaw Konadu so:
«Fürs Verschrotten in Europa bekommst
du zwei US-Dollar pro Gerät, für dasselbe
Gerät bezahlen Menschen hier noch 100 Dollar.» 

Rund 20 Prozent der nach Ghana verschifften Elektrogeräte müssen vor dem Verkauf repariert werden, weitere 15 Prozent landen direkt auf einem formellen oder informellen Schrottplatz. Die Situation hat sich derweil verbessert. Gemäss einer Untersuchung waren 2009 rund 70 Prozent der 215’000 Tonnen eingeführter Elektrogeräte kaputt.

Akane geht über den Zwiebelmarkt an der Hauptstrasse von Agbogbloshie, biegt vor der Lagune links ab und bleibt auf einer Müllhalde stehen. Neben ihm türmen sich die Plastikverschalungen von grauen Monitoren, weissen Klimaanlagen und schwarzen Fernsehern. Unter seinen Schritten knirscht Glas von zerbrochenen Displays.

Akane spricht von westlichem Überkonsum, von der künstlich verkürzten Lebensdauer von Elektrogeräten, von der Wegwerfgesellschaft rund um den Black Friday. Auch in der Schweiz werden immer mehr Elektronikgeräte verkauft. Und immer mehr entsorgt. Alle zwei bis drei Jahre wollen Konsument:innen in der Schweiz ein neues Smartphone, Unternehmen tauschen ihre IT in ähnlichen Abständen aus; ökologisch macht das wenig Sinn. Die Swico hat in den letzten 30 Jahren rund eine Million Tonnen Elektronikgeräte eingesammelt. Rund 130’000 Tonnen kommen jährlich hinzu.

Auch in der Schweiz werden immer
mehr Elektronikgeräte verkauft.
Und entsprechend immer mehr entsorgt: 
Die Swico sammelt jedes Jahr rund 130’000 Tonnen
ausrangierte Geräte ein. 

Jacob lebt mit drei Geschwistern in einem Zimmerchen irgendwo im Labyrinth der informellen Siedlung von Agbogbloshie. Wenn es regnet, was es während der Regenzeit oft und kräftig tut, tropft das Wasser von der Decke. Der Trampelpfad vor dem Zimmer wird mit Regenwasser und Schlamm geflutet. Jacob findet Agbogbloshie «wirklich schrecklich», es ist einer der meistverseuchten Orte der Welt. Die erhöhte Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, erhalten die Babys hier schon mit der Muttermilch; drei von vier Bewohner:innen haben krankhaft hohe Bleiwerte im Blut.

Dazu ist er auf den gebrauchten HP-Laptop ebenso angewiesen, der in der Ecke des Zimmers steht, wie auf den Schrottplatz auf der anderen Seite der Lagune. Ohne den Laptop, den ihm seine Mutter vor vier Jahren für 2000 Cedis, 135 Franken, gekauft hatte, könnte er nicht an der Universität studieren. Ohne die Arbeit auf dem Schrottplatz, bei der er den Magneten eines ausgemusterten Lautsprechers hinter sich herzieht, um Eisenstückchen vom Boden zu sammeln, könnte er finanziell nichts zu seinem Studium beitragen. Der Laptop ist langsam, die Arbeit gefährlich, «doch ich habe keine Wahl», sagt Jacob.

Auf dem Schrottplatz bückt sich der Umweltaktivist Akane und mustert einen Sticker auf einem Monitor. Immer wieder finde er auf Geräten die Namen von europäischen Unis, Bibliotheken und IT-Firmen. Hin und wieder schickt er diesen eine E-Mail: «Wussten Sie, dass Ihre Drucker, Ihre Monitore, Ihre Computer auf einem Schrottplatz in Ghana gelandet sind?» Zum Beispiel an eine Universität in den Niederlanden. «Sie konnten es nicht glauben. Sie sagten, sie hätten die Geräte an eine Recyclingfirma gegeben.» Sie glaubten, alles richtig gemacht zu haben. Endstation war jedoch kein Recyclinghof in Amsterdam, sondern ein Schrottplatz in Accra.

Obwohl: Das stimmt nicht ganz. Die Bestandteile der Geräte leben weiter. An jeder Ecke wird hier so lange mit Hämmern auf Kühlschränke, Mikrowellen und Klimaanlagen eingeschlagen, bis das begehrteste Material des Schrottplatzes zum Vorschein kommt: Kupfer in Form von Kupferspiralen, Kupferdrähten, Kupferwicklungen.

Verbrannter Plastik, schwarzer Rauch, vernarbte Körper 

Mike Akane mustert einen Sticker
auf einem ausrangierten Monitor.
Immer wieder findet der Umweltaktivist
auf Geräten die Namen von europäischen
Universitäten, Bibliotheken und IT-Firmen. 

Der Burner Boy Mohammed Awal trägt eine rituelle Narbe unter seinem rechten Auge, sie erzählt von seiner Herkunft aus dem verarmten Norden. Unzählige weitere Narben, verstreut über Beine, Arme und Hände, erzählen von einem Leben harter Arbeit.

Sein Job besteht darin, Kabel ans Ufer der Lagune zu bringen, den Plastik anzuzünden und das bläuliche Feuer so lange zu hüten, bis nur noch das Metall übrig ist. In der brütenden Mittagssonne steht er keinen Meter von den Flammen entfernt und versucht, so wenig wie möglich vom dichten schwarzen Rauch abzubekommen.

Sind die Flammen erloschen, kühlt Awal das Kupfer mit Wasser und schmeisst es auf einen Haufen: ab zu einer der zahlreichen Wägestationen. 55 Cedis zahlt der verantwortliche Nigerianer pro Pfund Kupfer, 3.50 Franken. Der grösste Teil des Geldes gehört nicht Awal, sondern seinem Auftraggeber, der den Elektroschrott gekauft hat.

2021 räumte die Armee den Schrottplatz. 
Das Recycling und damit das Problem 
verlagerte sich zuerst in das Wohngebiet 
nebenan. Und kehrte kurz darauf 
zurück auf das geräumte Gelände. 

Für einen Cedi mehr pro Pfund kann der Nigerianer das Kupfer an seine Kunden, Chinesen, Inder, Europäer, weiterverkaufen. Das in Agbogbloshie gewonnene Kupfer wird dort wieder in Geräten verbaut, die irgendwann vielleicht wieder hier landen, auf dem Schrottplatz an der Lagune von Korle.

Awal verdient als Burner Boy genug, um seiner fünfköpfigen Familie eines der winzigen Zimmer in der Siedlung mieten zu können – doch nie genug, um aufzusteigen oder wegzukommen. Die nächste Stufe auf der Karriereleiter? Selbst Kupfer, Aluminium oder Eisen wiegen zu können. Doch: «Dafür brauchst du eine dieser Industriewaagen», sagt Awal. «Und dafür brauchst du Kapital.» Awal lebt für die Zukunft seiner Kinder. «Ich möchte auf keinen Fall, dass sie hier bleiben müssen.»

Nicht nur für Mike Akane, den Umweltaktivisten, ist klar: Einen Ort wie Agbogbloshie, den selbst die Bewohner:innen schon mal mit Sodom und Gomorra vergleichen, sollte es nicht geben. Die Regierung hat den Schrottplatz 2021 von der Armee räumen lassen. Das Recycling und damit das Problem verlagerte sich zuerst in das Wohngebiet nebenan und kehrte wenig später wieder zurück auf das geräumte Gelände.

Die Menschen hier sind auf die Arbeit angewiesen. Wie Jacob, der Student, wie Awal, der Burner Boy, sind sie gefangen in einem Widerspruch. Sie wollen nicht hier sein, weil sie wissen, dass es gefährlich ist. Doch sie müssen hier sein, um zumindest ein kleines bisschen Geld zu verdienen.

Mike Akane setzt sich in ein Taxi und fährt zurück in Richtung Stadtzentrum. Lange schweigt er, bevor er schliesslich sagt: «So funktioniert unsere globale Wirtschaft.»

Er klingt resigniert. Ändern, davon scheint er immer mehr überzeugt, wird sich daran so schnell nichts.